Gastbeitrag: Bitte Lesen!

Vor kurzem habe ich mich mit meinem damaligen Kollegen über seinen Blog unterhalten und ihn gefragt, worum es in den letzten Artikeln ging. Anschließend habe ich noch ein bisschen mithilfe von Google Translate nachgelesen und fand diesen Beitrag ganz interessant, weshalb ich ihn gebeten habe, ihn von Arabisch auf Englisch zu übersetzen und als Gastbeitrag auf meinem Blog veröffentlichen zu dürfen. Ich habe ihn dann auf Deutsch übersetzt.

Also dann: bitte lesen!

Dieser Beitrag ist von Anas Marrawi. Anas ist ein Syrischer Softwareentwickler, Unternehmer, Blogger und Menschenrechtsaktivist. Er startete seinen Blog im Jahr 2004, als er über soziale und politische Themen in seiner Heimat schrieb. 2009 baute er ardroid.com auf, was sich im Laufe der Zeit zu einem der bekanntesten Tech-Blogs im mittleren Osten entwickelte. Er wurde mehrfach aufgrund von Aktivitäten gegen das Regime festgenommen und kam schließlich nach Deutschland, wo er momentan als App-Entwickler arbeitet.

Es ist ein bekanntes Problem, dass in der arabischen Welt die Analphabetenrate höher ist als in der westlichen Welt. Dafür gibt es mehrere Gründe, aber darum soll es in diesem Beitrag nicht gehen. Viele Menschen lesen also nicht regelmäßig. Was die Sache erschwert ist, dass es immer jemanden gibt, der die Anweisung gibt, dieses oder jenes Buch nicht zu lesen. Häufig sind es Geistliche, die vor Büchern warnen, und das obwohl sie auch gerne darauf hinweisen, dass “Lesen” das erste Wort im Islam ist.

Ich denke, das erste Mal, dass ich diesen “Nicht lesen!”-Hinweis hörte, war bei einer Veranstaltung, bei der Teilnehmende einen bekannten Geistlichen aus Damaskus fragten, was er von dem damals neu erschienenen Buch “Frauen zwischen Sharia-Recht und Leben” von Dr. Mohammad Habsh (einem islamischen Gelehrten) hielt. Das Buch entfachte große Kontroversen innerhalb der religiösen Kreise, denn es behandelt Themen wie die Ebenbürtigkeit von Mann und Frau und den Vorschlag dass das Kopftuch etwas persönliches ist, wofür oder wogegen sich Frauen selbst entscheiden können. Diese Themen wurden auf Grundlage neuer Interpretationen der gleichen religiösen Texte und Quellen aufgeführt, auf denen auch die traditionellen bzw. konservativen religiösen Ansichten basieren.
Als er nach seiner Meinung zu dem Buch gefragt wurde, war die Antwort des Geistlichen eindeutig: “Lest dieses Buch nicht, es erregt Versuchungen und stiftet Durcheinander in den Menschen.” Er dachte noch nicht einmal daran, auf die Inhalte des Buches argumentativ einzugehen.

Danach hörte ich den Satz “Lies das nicht” von vielen Menschen, die als “Männer der Religion” beschrieben werden, selbst wenn es ein Buch ist, das aus der selben religiösen Schule wie ihre kommt, wie im Fall von Dr. Habash. Andere Texte, die man nicht lesen solle, ist Sufi Poesie. In vielen Situationen wurde darauf hingewiesen, dass wir (die normalen und unwissenden Leute) Sufi Poesie nicht lesen sollten oder zumindest “vorsichtig” sein sollten, falls wir es doch tun.

Als ich jünger war, habe ich mich immer gefragt, ob es überhaupt möglich ist, dass die Lektüre eines Buches (auch ein religiöses) mein Denken gefährden könnte und mich zu einem Atheisten machen könnte. Sollten wirklich irgendjemand, egal ob Geistliche oder nicht, meinen Verstand beschützen dürfen?

Die “Nicht Lesen!” Warnung, die wir oft persönlich oder im Fernsehen hören, wird jedoch nicht nur von Geistlichen ausgesprochen, sondern auch von Lehrern in der Schule, Familienmitgliedern und Freunden. Wenn man über die Beobachtung innerhalb von solchen Gemeinschaften nachdenkt stellt man fest, dass dies in der arabischen Welt besonders kritisch ist, da hier teilweise auch vom Staat Bücher zensiert werden. Zusätzlich kann es aber auch sein, dass die Gemeinschaft bestimmte Bücher als verboten betrachtet und man sich gegenseitig einschränkt oder selbst zensiert.

Ein aktuelles Beispiel ist, was im Iran passierte, nachdem das Regime den Englischunterricht verboten hatte, da es die Sprache sei, auf der die Feinde herumschnüffeln. Ungeachtet der lächerlichen Rechtfertigung, legt das Regime mit solchem Handeln der Grundstein für systematische Verdummung ganzer Generationen, denen einiges an Wissen und Bildung entgehen wird, ganz in der Hoffnung dass die Menschen nicht fähig sein werden, Kritik am Regime lesen zu können. Dies ist eine extreme Form der “Nicht Lesen!” Anweisung und man kann nur hoffen, dass arabische Diktaturen das nicht übernehmen werden.

Dieser Blogpost richtet sich an alle die denken, dass sie aus irgendeinem Grund die Hinweise, etwas nicht zu lesen, befolgen sollten. Ich möchte vor allem die junge Generation ansprechen. Wenn euch jemand sagt, ihr solltet ein bestimmtes Buch nicht lesen oder einer bestimmten Person im Internet nicht zu folgen, solltet ihr als erstes genau das lesen, was man euch nicht lesen lassen möchte. Jeder, der euch vom Lesen abhalten möchte, nimmt an, dass du nicht den nötigen Verstand besitzt, das gelesene einzuordnen und dir selbst ein Bild zu machen. Es könnte ja sein, dass das Buch, was man dir vorenthalten möchte, tatsächlich nicht inhaltlich wertvoll ist oder es könnte voller Fehler sein. Der Intellektuelle, dessen Facebook Posts du laut deinem Vater lieber nicht lesen solltest, könnte ein Betrüger sein, aber wie solltest du das herausfinden, wenn du seine Beiträge nicht lesen würdest, um sie mit anderen Quellen vergleichen – und anschließend noch mehr zu lesen? Warum sollten andere für dich entscheiden, was lesenswert ist?

Wenn es eine Sache gibt, die die arabische Welt verbessern könnte, dann das wir lesen, und zwar alles was wir lesen wollen.

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